Sie saß in einem Wartungsraum eines öffentlichen Waschraums mit einem Knäuel in den Händen. Es bestand aus feinen, glitzernden Fasern. Jede einzelne Faser war so lang wie die Trägheit eines Ereignisses. Entknotete sie das Knäuel, hatte sie die Lösung berechnet. Es war selten, dass sie ein Knäuel vollständig entknotete, insbesondere bei ihrem aktuellen Arbeitgeber. Die Teillösungen waren jedoch ausreichend. Es ging vor allem darum zu verhindern, dass sich das Knäuel noch weiter verknotete und die Lösung dann für immer in einem Attraktor gefangen blieb.
Vergangene Ereignisse hatten sich wie auf einem Film festgesetzt und hätten eigentlich nur geringen Einfluss auf die Lösung, wenn da nicht die Konkurrenz gewesen wäre. Die Vergangenheit kann die Zukunft erst beeinflussen, wenn sie aktiviert oder erinnert wird. Dagegen gab es nur ein Gegenmittel – gegen die Gegner zu rechnen.
Das war die Aufgabe von Cat. Ein Mädchen, das gerne auf Terminus geboren worden wäre. Den Wunsch, den eigenen Geburtsort auszuwählen, gab es nicht; möglich war jedoch, sich vorzustellen, wie ein Leben gewesen wäre, wenn man an einem anderen Ort geboren wäre. Wie wäre es gewesen, wenn sie in einem Wüstenland völliger Leere, in einer überfüllten Stadt eines mittleren Kontinents oder auf dem Mond in einer straffen Kolonie geboren worden wäre? Das waren gute Fragen zum Zeitvertreib.
„Wo würdest du geboren werden?“ fragte Cat ihren Freund Lin.
„Hmm, hat das eine Bedeutung?“ erwiderte er.
„Ich wäre gerne auf Terminus geboren. Der Planet aus den bekannten Romanen. Es ist eine…“ Cat unterbrach ihren Gedanken abrupt.
Sie hatte gehört, dass jemand den Waschraum betreten hatte. Es war der Kandidat einer Wahlkampagne, für den sie die Berechnungen machte. Jeder Kandidat hatte eine Abteilung von Forschern, die für ihn die Berechnungen, so wie die Gegenrechnungen durchführten. Sein Name war so kurz, dass er leicht im Arbeitsgedächtnis eines durchschnittlichen Wählers unterschwellig haften blieb. Er hieß Mr. O, sein Gegner Mr. U. Man konnte visuell schon von Weitem erkennen, ob jemand über Mr. O oder Mr. U sprach. Die Lippen formten sich dabei unterschiedlich. Das war wichtig, denn die Wähler hörten selten wirklich zu, was die Kandidaten sagten.
Die Namen der Kandidaten waren zugleich die Namen der Parteien. Durch die subtile Betonung konnte ein Fachmann die Hierarchie in der Partei unter den Os oder Us unterscheiden. Der Kandidat Mr. O wurde als langes O ausgesprochen. Je tiefer man in der Hierarchie war, desto kürzer wurden die Laute. Es gab auch die Partei I, die es immer nur beinahe geschafft hatten. I klang einfach komisch und wurde von Wählern nicht wirklich ernst genommen, egal, welche Vorschläge Mr. I machte.
Die Klänge von O und U hatten sich durch Vererbung über mehrere Generationen hinweg positiv in basalen Regionen des Gehirns festgeschrieben. Das waren die großen Verdienste von O und U. Aus diesem Grund hielt man I gerne als Ausgleich. Wo es ein Wir gibt, muss es auch ein Sie geben.
Mr. O stand vor dem Reflektor und sang eine obligatorische Melodie: „Ooooooooo…“ Das war eine gute Übung der Loyalität. Wenn man sie über Jahre hinweg immer wieder wiederholte, entstanden entsprechende Falten im Gesicht, sodass man visuell erkennen konnte, ob jemand zu den Os, den Us oder den Is gehörte.
Cat saß ruhig weiter im Wartungsraum, beschäftigt mit ihrer Aufgabe, ohne zu bedenken, dass jemand ihr Versteck bemerken könnte. Für die obere Schicht der Gesellschaft, zu der die Besucher dieses öffentlichen Waschraums gehörten, waren Wartungsräume praktisch unsichtbar. Cat gehörte ebenfalls zur oberen Schicht. Von den Wartungsräumen hinter den glatten, spaltfreien Wänden hatte sie von ihrer Oma erfahren und wusste deshalb, wie man die Tür aktivierte. Ihre Oma war auf den Kontinent immigriert und hatte ganz unten anfangen müssen, obwohl sie eine treue O war.
Cat hatte sich immer gefragt, wie es möglich war, ein so komplexes System unter Kontrolle zu halten. Wie ein synchronisierter Geist der Menschheit, der alles regelte und für eine stabile Lösung sorgte.
Der Gesang von Mr. O wurde durch lautes Gegensingen unterbrochen – durch Mr. U, seinen direkten Gegner auf diesem Kontinent.
„Guten Tag! Haben Sie nicht genug von mir bekommen? Eine gute Gegenrechnung hatte ich heute. Willst du etwas mit mir Ooooooooo üben?“ erwiderte Mr. O sarkastisch.
„Heute du, morgen ich. In zwei Wochen am Südpol? Vergessen?“ flüsterte Mr. U.
„Ja, die Einladung habe ich auch bekommen. Ooooooooooooo“, erwiderte Mr. O und übte weiter.
Mr. U verließ als Erster den Raum, dann Mr. O. Anschließend musste das Personal den Waschraum reinigen. Zwei großgewachsene Männer öffneten den Wartungsraum und traten ein. Unbeeindruckt von Cat setzten sie ihre Arbeit fort. Wenn du weißt, wie man den Wartungsraum öffnet, dann gehörst du dazu.
Cat studierte ihren Terminkalender und suchte nach den Terminen in zwei Wochen. Sie und die gesamte Abteilung waren für 31 Stunden freigestellt.
„Interessant“, sagte Cat laut und verließ den Waschraum.
Aus einem Romanprojekt. © Walter Schaefer

![Supernoria 71.2 [Kapitel 1 Südpol (German Detusch)] (4)](https://ai-quanton.com/wp-content/uploads/2025/12/Supernoria-71.2-Kapitel-1-Sudpol-German-Detusch-4.png)